ein Blick hinter die Zeilen (reupload)

Eine sanfte Brise blies durchs offene Fenster und ließ die Vorhänge tanzen. Das gläserne Windspiel sang wispernd sein Lied. Die bunten Glasperlen warfen kleine farbige Lichtreflexe in den Raum.
„Schau da!“ sagte ich zu der kleinen Katze, die auf meinem Bauch döste. Ich legte mein Buch zur Seite und zeigte auf die bunten Lichterkreise an der Wand. „Siehst du, wie schön sie miteinander spielen?“
Die Katze hob träge den Kopf, ließ ihren Blick über das Farbenspiel schweifen und maunzte. Ich kraulte sie hinter den Ohren und sie begann zu schnurren. Ich spürte, wie sich ein Lächeln auf meine Lippen schlich.
Wie ich es liebe, ihrem leisen Schnurren zu lauschen. Und nicht nur mit den Ohren, auch mit den Händen. Ich legte meine Finger vorsichtig auf ihren Bauch und spürte, wie sie leicht … vibrierte.
Mein Blick wanderte zur Uhr über der Tür. Noch 2 Stunden.
Die kleine gefleckte Katze schmiegte sich an meinen Hals und schloss die Augen. Langsam driftete sie in ihre Welt der Träume, da war ich mir ganz sicher. Ihre Ohren zuckten und sie schlug ein paar Mal mit ihrem Schwanz auf meine Hüfte.
Was sie wohl träumte? Jagte sie gerade einem Vogel nach? Lief sie über eine weite grüne Wiese? Lag sie auf einer warmen Mauer und ließ sich den Bauch sonnen?

Ich nahm meinen Liebesroman auf und vertiefte mich wieder in die Gefühlswelt einer völlig Fremden, die ich doch schon so gut kannte, als sei sie meine beste Freundin.
Vogelzwitschern und das leise Rauschen des Windes untermalten meine Frühlingslektüre. Ich kuschelte mich tiefer in meine Kissen und Decken auf der Fensterbank.
Die Geschichte, die sich aus den Buchstaben in meine Vorstellung schlich, wurde immer echter. Ich fiel immer weiter in sie hinein und blendete langsam alles aus. Nichts um mich herum konnte mich ablenken.
Alles wurde verschwommen und ich sah nur noch Claire und Samantha, die auf der Picknickdecke im Garten hinter Claire’s Haus saßen. Sie stießen mit ihren filigranen Teetassen an. Claire’s war blau, die von Samantha türkis. Samantha nahm sich eine Himbeere aus der blassrosa Obstschale. Ich wusste, dass sie ein bisschen zu sauer für Sam war, aber sie ließ sich nichts anmerken. Sie nahm noch eine.
Claire strich ihr schwarzes Haar hinter die Ohren. Sie wartete schon sehnsüchtig auf den Moment, an dem sie nicht mehr dauernd in ihr Gesicht fallen würden. Sie fuhr mit der Hand über die rote Picknickdecke und bügelte die zerknitterte Ecke glatt, auf der bis eben noch ihre Füße gelegen hatten.
„Aber was, wenn er nicht mit mir tanzen will? Warum sollte er so jemanden wie mich bitten? Ich bin so langweilig. Wäre nicht Cecelia geeigneter? Oder Marie? Deren Leben ist doch wenigstens interessant, sie sind beliebt und gehen dauernd auf solche Parties. Ich will so gerne mit ihm ausgehen… Und was ist, wenn er nicht mal mit mir reden möchte? Wir müssen uns ja nicht gleich auf der Tanzfläche abschmusen, aber ich will, dass er sich mit mir unterhält.“
Samantha schüttelte den Kopf. „Ich bin mir sehr sicher, dass Mason mit dir tanzen möchte. Und reden wird er bestimmt auch mit dir. Amy hatte gestern mit ihm Lunch und als wir uns später zum Tee getroffen haben, hat sie mir erzählt, wie toll er deine Plätzchen bei Neil’s Vernissage fand. Du weißt schon, der Typ aus seinem Kunst-Kurs.“
Claire lächelte. „Und nur wegen ein paar Keksen wird mich der Mann meiner Träume um ein Date bitten. Sam, deinen Optimismus möchte ich mir echt mal ausleihen.“
„Natürlich. Liebe geht durch den Magen, das weiß bekanntlich jeder. Und deswegen wird er dich auch fragen, ob du mit ihm ausgehst. Ihr werdet einfach ein bisschen quatschen und später, wenn ihr ein bisschen Champagner getrunken habt, tanzt ihr miteinander. Und er wird dich so umwerfend finden, dass er nicht anders kann, als dich um ein Date zu bitten.“
Ich musste schmunzeln. Wie anders ihre Welt doch war, obwohl ich doch auch hier lebte, gleich nebenan.
Ich dachte an mein erstes Date. Ich bin mir nicht mal sicher, ob M es damals als Date betrachtet hatte, schließlich waren wir nur Freunde. Eis essen bei einem Wiener Eissalon, berühmt für Eismarillenknödel. Er hat mir lustige Videos gezeigt und wir haben die ganze Zeit gelacht. Er hat fünf Eismarillenknödel gegessen und wollte mich dauernd dazu überreden, auch zu kosten. Waren sogar echt lecker. 

Samanthas Lachen unterbrach mich. „Sieh dir Lilo an, wie kann ein Hund so doof sein?“ Claire musste auch lachen. Lilo, der kleine weiße Samojede lief doch tatsächlich dem ferngesteuerten Auto von Claire’s kleinem Bruder Nick nach. „Aber süß. Einfach zum Knutschen.“
Nick sah vom Balkon in den Garten und lachte. Er ließ das Auto im Kreis fahren und steuerte es anschließend zu den Mädchen.
Claire hob Lilo auf ihren Schoß und streichelte ihn. Es schien ihm sichtlich zu gefallen. Doch er machte sich gleich wieder los und tollte weiter im Garten herum.
Die Mädchen legten sich auf ihre Decke und genossen die Frühlingsbrise.
Ich wusste, dass Claire an Mason dachte und sich vorstellte, wie es wohl wäre, ihn zu küssen.
Und ich wusste, dass Samantha an ihre Bachelorarbeit dachte und vor allem an ihren Professor. Dr. Scott war sehr beliebt bei seinen Studenten, vor allem bei den weiblichen. Samantha dachte immer wieder gerne an den einen Tag zurück, als sie beide allein waren und sie erinnerte sich genau an die Spannung zwischen ihnen. Sie wusste, da war etwas. Wenn sie doch nur keine Studentin mehr war! Die Art, wie er sein Haar schüttelte. Wie er sich unbewusst über den Bart strich, wenn er hochkonzentriert eine Formel nachrechnete. Oder wie er sich auf die Lippe biss, wenn er beim Unterricht zu locker über gewisse Themen sprach und dann sagte, „Meine Lieben, das war zu viel. Wenden wir uns wieder unserem eigentlichen Thema zu…“ 

Die Zeit verstrich. Ich beobachtete, wie die Sonne immer tiefer sank. Es war so entspannend, einfach auf der Hollywoodschaukel zu liegen und das warme Wetter zu genießen. Lilo zuzusehen, wie er durch den Garten sprang und Claire und Samantha, die mit ihm spielten.
Der Himmel verfärbte sich langsam und es wurde kühler. Samantha und Claire trugen ihre leeren Teetassen, die weiß blau gepunktete Teekanne und die nun leere Obstschale in die Küche.
„Komm, lass uns was zum Anziehen aussuchen!“
Die beiden liefen die Treppe hinauf, in Claire’s Zimmer. Ich folgte ihnen wie ein Schatten. Ich musste nicht vorsichtig sein, ich wusste, dass sie mich nicht bemerken konnten. Fühlt es sich so an, ein Geist zu sein?
Claire’s Zimmer sah gemütlich chaotisch aus. Hier und da lagen Zeitschriften, neben dem Bett stand eine Tasse. Die Kissen auf der Couch waren zerknautscht und die Bettdecke war nur halb zusammengelegt. Auf ihrem Schminktisch lagen die Pinsel und ihr Make Up herum, daneben ihr Handy. Auf dem Schreibtisch zeigte der Laptop ein Bild von Lilo und daneben flackerte eine Kerze, die einen leichten Pfirsich-Duft verströmte.
Ich fühlte mich hier sofort wohl.
Samantha ging schnurstracks durchs Zimmer und schob die große Spiegelwand beiseite. Dahinter verbarg sich Claire’s Lieblingsteil des Hauses. Ihr Kleiderschrank.
Die Mädchen probierten sich durch alle möglichen Sommerkleidchen und es schien, als könnte sich keine der beiden entscheiden.
Claire stand vor dem Spiegel, ein rotes Kleid mit langen Ärmeln an, mit offenem Reißverschluss. In der einen Hand hielt sie ihr liebstes dunkelblaues Kleid. In der anderen ihre Chanel-Stiefel.
Samantha sah sich nach ihrer Freundin um. „Ich glaube, ich borge mir deinen schwarzen Lederrock, der passt so gut zu meiner weißen Bluse mit den Blümchen. Nimm das Blaue und auf jeden Fall diese Stiefel, die sind der Knaller! Und dazu würd ich vielleicht den hellgrauen Schal tragen, den dir Violet zu Weihnachten geschenkt hat, oder? Ich denke, das könnte gut zusammen aussehen. Oder lass das Kleid für sich wirken; weniger ist mehr. Heute bist du heiß, nimm keinen Schal, nur eine kleine Tasche und Ohrringe.“
Sie grinste und zwinkerte ihrer Freundin zu.
Claire betrachtete sich im Spiegel. Ich wusste, dass sie an Mason dachte und was er wohl denken würde. Rotes Kleid und zurückhaltender Look? Oder das Blaue? Es war auf jeden Fall sexy, vor allem mit den Stiefeln. Doch, Sam hatte Recht. Mason war ein Mann und Männer stehen auf Sexy.
Sie zog das rote Kleid aus und schlüpfte in das Blaue. Oh ja, Sam hatte sowas von Recht.

Die Party war schon in vollem Gang, als wir ankamen. Samantha hatte das Auto ihrer Mom in einer Seitenstraße geparkt und wir hörten schon von da die laute Musik.
Claire war nervös. Samantha bemerkte es und nahm sie bei der Hand. „Heute ist dein Abend, du wirst Mason umhauen!“
Ich folgte ihnen ins Haus der Studentenverbindung. Auf so einer Party war ich noch nie. Die Leute unterhielten sich, sie mixten Cocktails in der Küche, sie tanzten im Flur und in den Ecken sah ich Pärchen kuscheln.
Samantha und Claire gingen auf Amy zu, die auf der Armlehne der Couch neben den Basketball-Jungs saß. Ich verstand nicht, was sie redeten. Amy deutete auf die Küche. 

Mein Blickfeld wurde kurz trüb und das Bild verzerrt. Was war hier los? 

Ich sah Claire in die Richtung gehen, in die Amy gedeutet hatte. Ich wusste, dass dort Mason war. Claire sah ihn, er stand mit seinen Freunden im Durchgang zur Küche. Sie prosteten sich gerade zu.
Claire wurde noch nervöser und drehte sich um. Ich wusste, dass sie zu große Angst hatte, ihn anzusprechen. Sie sah Georgina, die gleich neben Mason und seinen Freunden stand und in ihr Handy starrte. Claire ging auf sie zu und lehnte sich an die Wand.
Ich wollte ihr helfen, aber wusste nicht wie. Wenn ich etwas sagen würde, könnte mich niemand hören. Ich war hier, aber gleichzeitig war ich auch nicht hier. Niemand kann mich sehen.
Ich ging zu Mason und schubste ihn an. Nichts. Ich wackelte mit meinen Fingern vor seinem Gesicht, aber er bemerkte es nicht. Ich sagte ihm, „Da drüben ist Claire, geh hin und rede mit ihr!“ Aber er hörte es nicht.
Ich lauschte dem Gespräch der Jungs. Mason sagte zu Neil, dass ihm die Vernissage letztes Wochenende sehr gefallen hätte und dass er stolz auf seinen besten Freund war.
Mein Bild verschwamm wieder und ich spürte etwas wie kleine warme Pfoten auf meiner Brust.
Dann waren da wieder Mason und seine Freunde.
Ich war verwirrt. Wieso war ich hier? Ich kannte diese Leute nicht, wie war ich hier hergekommen?
Ich sah Mason an. Sein Blick huschte durch die Menge und es schien, als suche er nach etwas. Oder nach jemandem.
Ich wusste auf einmal, dass er nach Claire Ausschau hielt. Ich wusste, dass Neil ihm gesagt hatte, dass Claire Mason toll fand und ich wusste auch, dass Mason Claire toll fand.
Er hatte sie vor zwei Jahren, in dem Fotografie-Kurs bemerkt. Ein schüchternes Mädchen mit schwarzen verwuschelten Haaren. Er fand sie vom ersten Augenblick an interessant. Nur er hatte sich nie getraut, sie anzusprechen.
Neil musste gehörig Überzeugungsarbeit leisten, um ihn dazu zu bringen, es doch zu tun. 

Ich sah, wie Mason auf Claire zuging. Claire hob den Blick und sah es auch. Sie lächelte ihm zu. 

Mein Blick trübte sich wieder. 

Ich spürte kleine Pfoten auf meiner Brust treten. Der kleine Fellball gähnte und leckte über mein Kinn.
Verschlafen streichelte ich sie hinter den Ohren. Sie war so schön warm.
Da hörte ich eine Autotür schlagen und ein paar Augenblicke später das Quietschen vom Gartentor. Ich sah aus dem Fenster. Ich spürte die Liebe in mir aufsteigen und meine Vorfreude wurde immer größer. Schatz war da.
Immer, wenn er da ist, bin ich glücklich. Ich kann nicht anders, als glücklich sein. 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Create a website or blog at WordPress.com

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: