9. April 2015. Etwa 9 Uhr morgens. Ein rothaariges Mädchen steht im Musikraum der Schule, die sie gerne besuchen würde. Neben ihr zappelt ein Junge aufgeregt herum. Und auch die anderen Leute im Raum strahlen Nervosität aus. Dem Mädchen geht es nicht anders. Niemand weiß, dass es heute ist. Allen hat sie erzählt, die Prüfung wäre einen Tag später. Damit niemand sie unter Druck setzen kann.
Zwei Professoren erklären, wie dieser Teil ablaufen würde. Noten nachsingen, Rhythmen nachklatschen und ein Lied vorsingen. Klingt nicht sooo wahnsinnig schwierig, denkt sie. Die Klimmzüge, das Laufen und die Erörterung schrecken sie mehr ab. Aber alleine vorsingen? Vor 10 Leuten und 2 Lehrern, OMG. Das wird echt peinlich, hoffentlich bekomme ich überhaupt einen Ton raus. Wahrscheinlich singe ich total schlecht. Generell, als sie die Ansprüche überflogen hatte, die gefordert werden, dachte sie sich etwas wie uff, das wird hart.
Die kleine Gruppe nervöser Leute beginnt nun damit, sich gemeinsam einzusingen. Die Professorin mit den langen dunklen Haaren steht vorne bei der Tafel und macht Atemübungen vor. Danach wird gesungen.

Zwei Monate früher, als das Mädchen mit ihrem Freund in ebendieser Schule war, um sie sich anzusehen und sich dann auch gleich einzuschreiben, hatte sie alles noch als Klacks abgetan. Sogar als sie in einer kleinen Runde stand und spontan zu ihrer eigenen Überraschung sogar wirklich Bruder Jakob vorsang. Dabei war sie wahnsinnig nervös gewesen. Daweil ging es um nichts. Es war nur ein Angebot der Schule. Eine Lehrerin war ebenfalls im Raum gewesen, die allen sagte, worauf sie sich vielleicht beim Üben noch etwas konzentrieren könnten. Dem Mädchen sagte sie, dass sie wohl einen großen Stimmumfang hätte und sich wegen der Tonlage keine Gedanken machen müsse. Aufatmen.
Sie spähte wieder zur Tür, wo sich Leute drängten. Unter ihnen stand auch ihr Schatz, der neugierig und grinsend zu ihr hinüber sah. Am meisten Bammel hatte sie davor gehabt, sich vor ihm zu blamieren. Doch seinem Grinsen nach hatte er ihr Lied wohl als nicht ganz so schrecklich empfunden wie sie selbst. Oder noch schlimmer. Aber eher nicht.

„So, nun kommt die junge Dame mit der Katze auf dem Shirt an die Reihe.“
Der Mann am Klavier sieht das Mädchen erwartungsvoll an. Sie tritt vor. Ihre Knie zittern und sie weiß, sie würde nicht einmal ein Flüstern herausbekommen.
Komm schon, reiß dich zusammen. Die anderen kennen dich nicht und du tust das hier nur für dich. Tu einfach so, als wärst du in der Dusche und niemand wäre da. 
Sie zieht an ihrem Shirt. „Okay, ich bin bereit.“ Ihre Stimme ist rauh und kratzig. Mühsam trinkt sie schnell einen Schluck aus ihrer Flasche und beginnt, die einzelnen Töne nachzusingen, die er ihr am Klavier vorgibt. Soweit so gut. Niemand hat etwas gesagt. Und ich musste auch nichts wiederholen. Ist das ein gutes Zeichen oder nicht? Hoffentlich schon. 
Es kostet sie alles an Mut und Überwindung, was sie besitzt, um ihr vorbereitetes Lied vorzusingen. Mit zittriger Stimme beginnt sie, doch das Lächeln der Professorin, die am Tisch sitzt, holt sie nach dem zweiten Takt aus dem Tief. Klar und hell ertönt die Geschichte von dem Vogel, der einen Brief überbringt.
Mit einem Lächeln beendet sie ihre Mutprobe. Nie hätte sie gedacht, dass sie das schaffen würde. Und doch fühlt es sich danach wirklich gut an.

gratitude column dark

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