alte und neue Erwartungen an das Leben und warum ich nicht ohne sie auskomme

Ich halte die Augen geschlossen und verstecke mich zwischen den Kissen.  Der Regen prasselt laut gegen das Fenster. Es riecht frisch nach der feuchten Luft draußen. Ich wünsche mich zurück in meinen Traum. 

 

Du streichst sanft über meinen Hals. Küsst mich. Ich ziehe dich näher an mich und schlinge meine Arme um dich, lasse meine Finger über deine Haut gleiten. Das Wasser schwappt über den Rand des Whirlpools. Du legst eine Hand an meine Taille, fährst durch meine Haare. Ich spüre deinen Atem auf meiner Haut. Noch ein Kuss. Die Atmosphäre glüht um uns herum. Das Wasser prickelt und ich fühle die Leidenschaft in mir. Ich lasse mich fallen. Ich weiß, dass du mich mit deiner Umarmung fängst.

Ich höre die Katze draußen miauen, stehe auf und öffne ihr die Tür. Ihr Fell ist so weich. Sie streckt sich genüsslich neben mir auf der Bettdecke. Ich streichle sie am Kinn. Sie leckt über meine Finger und ich muss lachen. Es kitzelt. Ich stehe dann doch auf und mache mir einen grünen Smoothie zum Frühstück. Ich sitze im Wohnzimmer auf der Couch und sehe den Regentropfen am Fenster zu. Heute wird ein langweiliger Tag werden. Ich denke wieder an den Traum und an deinen Kuss. Ich spüre ihn fast auf meinen Lippen.
Deine Küsse verzaubern mich. An jedem Tag, den ich alleine aufwache, kann ich es kaum erwarten, wieder in deinen Armen zu liegen. Diese Situation, in der ich mich befinde, ist einfach nur schwierig. Und anstrengend. So lange bist du jetzt an meiner Seite und immer noch wachen wir nicht jeden Morgen gemeinsam auf. Auf der anderen Seite erfüllen wir uns einen Traum. Einen Lebenstraum, etwas Großes und Bedeutendes. Unsere Zukunft. Alle chaotischen Tage, jede Nacht allein und jeder Moment, in dem ich dich vermisse, sind das wert. In einem Jahr, oder zu einem undefinierbaren Zeitpunkt in naher Zukunft, irgendwann, werden wir gemeinsam aufwachen. Du wirst schläfrig die Decke über den Kopf ziehen und dich umdrehen. Ich werde das Fenster aufmachen und die frische Luft einatmen, den Ausblick über das weite Feld genießen und in unsere Küche gehen. Ich werde uns Kaffee kochen und mich dann wieder zu dir ins Bett kuscheln. Und wir werden uns unbeschreiblich fühlen.

Irgendwann denken wir an diese Zeit zurück und fragen uns, wie wir unser Leben jemals anders leben konnten. Da bin ich mir ganz sicher. Ich werde in ein paar Jahren mein Tagebuch lesen und lachen über die kleinen und großen Kleinigkeiten, die heute mein Leben durcheinander bringen und mich auf Trab halten.
Ich werde mich an die Diplomarbeit erinnern und wie sehr ich mich gequält habe. Zitierregeln, Erklärungen zu wissenschaftlichem Arbeiten und unterschiedlichste Skripten dazu. Texte von Anna Freud. Texte über Anna Freud. Texte über und von Sigmund Freud. Zahlreiche Fallbeispiele und Analysen von Darstellungen über psychoanalytische Behandlungen und Patienten. Gedanken über das Verhalten von Freunden und Überlegungen über die Hintergründe, oft mit T gemeinsam im Auto beim in die Schule fahren. Endlose Telefonate mit D über das Praktikum, die Schule, Prüfungen, Gespräche und Lästereien, meckern und sudern, damit man sich danach besser und nicht mehr allein fühlt. Oft im Gitarre Unterricht nur Psychohygiene. Nächtelanges Schreiben, Recherchieren und Katze streicheln. Kaffee en masse. So viel Kaffee habe ich noch nie getrunken, ehrlich. Emails. Musikalische Parameter. Mein Projekt im Kindergarten darüber und wie lang D und ich bei Pizza und mehr Kaffee gesessen sind zum planen. Planungen schreiben, reflektieren, überlegen, umplanen, Karteikarten. Mehr Planungen und Reflexionen. Lustige Kommentare vom Kellner in der Pizzeria. Lange Autofahrten in den 23. zum Praktikums-Kindergarten. Zum Glück gibt es Hörbücher.
Diese Zeit. Es ist ein bisschen so wie kurz vor der Matura, nur dass ich fünf Jahre älter bin und jetzt eine Katze habe, ein bisschen besser weiß, wer ich bin und meine Ziele etwas genauer kenne. Aber genauso ist alles nur ein einziges Chaos und ich weiß nicht, wohin es mit einmal trägt. Ich bin wieder rastlos, schlafe in komischen Abständen und brauche enorm viele Pausen während ich arbeite. Ich mache tausend to do Listen, zeichne Mind Maps und lese Fachliteratur ohne Ende. Die Finger meiner linken Hand fühlen sich nach jedem Mal Gitarre üben ganz taub an. Von fernen Sternen verfolgt mich schon im Schlaf und auch das Lied mit dem Vogel. Stücke, die ich schon x mal gespielt habe. Das Gute am vielen Gitarre spielen ist, dass fiese Akkorde wie ein F, Fis, gm oder hm schon wesentlich einfacher sind, als noch im Februar. Es macht richtig Spaß. Vor allem im Kindergarten, wenn sich die Kinder irgendwelche absurden Lieder aus dem Liederbuch wünschen, dann kann ich die alle spielen. Auch wenn sie meistens trotzdem das Dino-Lied, den Dracula-Rock, das Nebel-Lied oder Pippi Langstrumpf singen wollen.

Ich bin nicht ganz da, wo ich mir mich vor fünf Jahren vorgestellt habe. Ein bisschen schon, denn ich habe einen Beruf (ab Juni dann richtig), eine tolle Beziehung, sogar ein Auto und eine Katze, obwohl die eigentlich dem Papa gehört. Und das Auto auch, aber nachdem das sowieso kein Pickerl mehr bekommt, muss ich mir bis August ein Neues kaufen. Warum kann ich nicht einfach im Hier und Jetzt leben? Es sagt sich so leicht, doch ständig setze ich mir Ziele und versuche, meinen eigenen Vorstellungen und Erwartungen an mich gerecht zu werden. Schon wieder habe ich neue Pläne, möchte zurück an die Uni und studieren, möchte eine Ausbildung zur Psychotherapeutin machen und den Kinderyoga-Kurs machen, möchte dies und möchte das. Uni? Als ich mit der Ausbildung zur Pädagogin begonnen hatte, sagte ich mir: Nie wieder geh ich an die Universität, alles dort war blöd, ich hab so viel Zeit meines Lebens nicht verschwendet, aber doch eigentlich versaut. Das Studenten High Life, das so viele führen, kommt für mich nicht infrage. Kaputtes Auto, Traum vom Haus, Geld für Küche, Böden und Dach. Ich möchte trotzdem wieder zurück. Ich will Wissen. Ich möchte mehr verstehen, ich will erfahren, warum wir so sind, wie wir sind. Warum denken wir, was wir denken? Woher kommt unsere Zukunft und wie beeinflussen wir sie?
Ich möchte auch Mama werden. Ich bin 23 Jahre alt und schon ein Jahr vor meinem Wunschalter, ein Baby zu bekommen. So hab ich mir das mit dreizehn vorgestellt… Mit 22 heiraten und mit 24 ein Kind. Ich glaub, das wird so bald aber nix. Trotzdem hab ich diese alte Vorstellung meines Teenager-Ichs nicht verworfen, ich habe sie einfach angepasst. Mama mit 27? Meine Mutter war auch so alt, als ich auf die Welt kam. Das fände ich eine tolle Verbindung. Ich will, dass diese Erfahrung etwas ganz besonderes wird. Ich will dieses Abenteuer als das einzigartige Wunder erleben, das es ist.
Meine Einstellung ist heute eine andere, als vor drei oder fünf Jahren. Ich bin nie eine starre Persönlichkeit gewesen. Ich war immer neugierig und aufgeschlossen gegenüber Neuem. Ich war immer gern spontan und flexibel. Doch ich glaube, ich bin es heute noch viel mehr. Ich bin gewachsen. Natürlich, ich bin auch älter geworden. Auch wenn zwischen 20 und 23 nicht wirklich ein großer Unterschied zahlenmäßig liegt, so bin ich überzeugt, dass ich erwachsener geworden bin. Das Kolleg, die neuen Leute, meine Interessen und dass ich mich darüber austauschen kann, alles das und mehr hat meine Einstellung und heutige Meinungen beeinflusst und geformt. Ich habe etwas zu sagen und es tut mir gut, dass ich mit D und den anderen darüber reden kann. Über meine Pläne und Vorstellungen. Die von früher und die von heute. Auch Erwartungen. An mich, an uns. An den Beruf, an uns im Beruf, an die Welt. Erwartungen von den anderen. Denk nicht so viel nach, sage ich mir, und doch kann ich es nicht abdrehen. Ich habe nur gelernt, anders damit umzugehen, nachzudenken und zu reflektieren. Über meine Entscheidungen, vergangene wie gegenwärtige, mein Verhalten gegenüber anderen, Aussagen und auch Gedanken, jeden Instagram Post und wie ich mein Leben lebe. Mit Wertschätzung? Mit Freude?

Das sind meine neuen großen Ziele. Die nicht mit einfachen Worten oder Taten beschrieben werden können, sondern eine Einstellung und innere Haltung sind. Bin ich glücklich? Was macht mich glücklich? Los, mach genau das! Fühle ich mich wohl? Genieße ich mein Leben? Was ist wertvoll für mich? Wofür empfinde ich Wertschätzung? Was habe ich geschaffen und erschaffen? Was macht mich stolz? Welche Erinnerungen möchte ich machen?

Und trotzdem bin ich ein bisschen (in manchen Punkten fast genauso) wie früher. Ich bin immer noch so (nicht dumm aber vielleicht) naiv wie damals. Ich gebe nach wie vor viel mehr von mir für andere, auch wenn diese das vielleicht nicht verdienen oder mir nichts zurückgeben. Ich bin gerne eine helfende Hand. Oder auch zwei, ich gebe viel. Wenn ich weiß, dass meine Unterstützung anerkannt wird. Ich schreibe dir Teile deiner Arbeit, ich erklär dir die Dinge so oft, bis du sie verstehst, ich bleib mit dir die ganze Nacht auf, um zu lernen, ich teile mein Wissen, gebe dir meine Zeit und Mühe. Ich chauffiere dich herum. Ich lade dich gerne auf einen Kaffee ein. Oder dazu, meine Katze zu streicheln. Es ist nicht leicht gewesen, vor allem in den letzten Monaten. Die Ausbildung geht zu Ende. Bald kann ich die Tage an den Fingern abzählen. Ich war schon so weit, dass ich heulend auf dem Boden gesessen bin und nicht wusste, was ich tun soll. Wo ich anfangen soll. Wieder mal habe ich die Situation unterschätzt, mich übernommen oder zu wenig auf mich geachtet. Zu viel für andere und zu wenig für mich. In diesen Momenten offenbaren sich die wahren Freunde. Unterstützung von wem? Wer baut dich wieder auf? Wen kann ich anrufen? Auf wen kann ich zählen? Nun, ich kenne die Antwort. Und das ist gut so. Netflix-Abende mit A trugen dazu bei, mich wieder zu motivieren. Endlose Telefonate. Auto-Gespräche, Kuscheln und Ablenkung-Zeit mit M. Was habe ich daraus gelernt? Viel und auch nichts, da ich es immer wieder so tun würde.

Aber vor allem eins. Eine Erkenntnis, die ich eigentlich immer schon wusste und seit längerem schon von den sozialen Medien transportiert wird. Jeder weiß darum, doch wir alle haben mehr oder weniger (aber doch zumindest ein bisschen) struggles damit. Glaub an dich. Wenn nicht, wie kann ich sonst persönlich und beruflich Erfolg haben. Wie können andere an mich glauben, wenn ich es nicht selbst tue? Wie kann ich meinen Erwartungen gerecht werden, wenn ich nicht daran glaube, dass ich es kann? Ich kann nicht ohne Erwartungen sein, ich brauche etwas, wofür ich arbeite und nach dem ich strebe. Ich habe jedoch gelernt, diese Erwartungshaltungen anders zu formulieren. Keine unmöglich realisierbaren, klar definierten Ziele, sondern offene Aussagen zu treffen. Das Wesentliche hervorheben. Und vor allem auf mich selbst zu hören, was ich wirklich will. Ich stehe (auch) im Mittelpunkt meines Lebens und ich bin immer meine company- Der, der immer da ist, bin ich. Also werde ich mein Bestes geben. Für alle Entscheidungen gerade stehen. Alles selbst entscheiden. Ich sein und niemanden für mich sprechen lassen. Und ich werde in meinem Kopf den Gedanken festhalten, dass ich meine Erwartungen niedriger schraube und das Leben genieße. Ich werde mich auf die glücklichen Momente konzentrieren und wertschätzen, was auf mich zukommt. Lernen kann ich auf jeden Fall daraus. Und ich werde jeden Morgen so oft ich kann neben meinem M aufwachen, sein Lächeln sehen, kitschige Träume haben und mit ihm im Bett herumliegen und seine Umarmung spüren, bis einer von uns den Wecker nach dem fünften Mal Snooze abdreht und wir aufstehen, nur um uns später mit dem Morgenkaffee auf die Couch zu kuscheln. ■

blondes live a better life

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